Creative Summer Camp 2019
14. Juni 2019
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MISSION STATEMENT Kreativwerkstatt

Ein Hoch auf die bunte Vielfalt

Kreativer Ausdruck ist so alt wie die Menschheit selbst. Kein anderes Lebewesen auf diesem Planeten hat die Fähigkeit, sich auf einer Metaebene auszudrücken. Der Mensch ist einzigartig kreativ.

AUSDRUCK

Wir können uns noch dazu auf die vielfältigste und unterschiedlichste Weise ausdrücken, sei es verbal, schriftlich, mit Gesang, Mimik, Gestik, im Tanz oder mit unseren Händen im Kreativbereich. Zumeist steht eine der Möglichkeiten stark im Vordergrund und die Vielfalt der anderen gerät umso mehr in Vergessenheit, je älter wir werden. Als Kinder sind wir noch unvoreingenommen und drücken unsere Gefühle so aus, wie wir sie in dem Moment gerade wahrnehmen. Wir tanzen unsere Freude im Regen, wir trällern beim Radfahren fröhlich vor uns hin, wir boxen unsere Wut in die Couchpolster, schreiben Gedichte über unseren Liebeskummer oder malen endlos bunte Bilder für unsere Liebsten.

Kinder drücken das, was sie im Hier und Jetzt beschäftigt ganz unmittelbar aus. Sie spielen mit dem Material, sie experimentieren mit der Farbe und sie verarbeiten auch Erlebtes ohne Anspruch auf Schönheit oder Naturalismus. Sie sind voller Vertrauen in ihre Fähigkeiten und in sich selbst.

Wenn ich junge Menschen dabei beobachte, wie unterschiedlich und individuell sie sich ausdrücken, dann frage ich mich, was oft schon bis zur Pubertät passiert ist, dass diese unbändige Wildheit, dieses Urvertrauen in die eigene Kreativität irgendwann abhanden gekommen ist. Was ist mit dem Kind, das so ganz es selbst ist und sich bunt und ausdrucksstark seinem eigenen Ich hingibt, in wenigen Jahren geschehen?

VORURTEIL

Ich glaube die Antwort darauf liegt in der fortwährenden Wertung dieses zutiefst intimen Zutagebringens innerer Vorgänge. Immer und immer wieder hören diese jungen Menschen Sätze wie: „Das hast du aber schön gemacht!“ oder „Du musst dich mehr anstrengen!“ oder „In unserer Familie war noch nie jemand künstlerisch begabt!“. Es wird gewertet, verglichen und im schlimmsten Fall auch lächerlich gemacht.

Mehr und mehr beginnen diese Menschen, ihre kreativen Kanäle zu blockieren, nur noch das zu malen, zeichnen, basteln, was von der Außenwelt als gut und richtig dargestellt wird. Sie zeigen sich nicht mehr in ihrer Verletzlichkeit, sie warten auf genaue Anweisungen um nur ja nichts „falsch“ zu machen. Das Lob oder die Kritik der entstandenen Arbeiten gleicht einem Zurechtstutzen der einzigartigen Persönlichkeit. Nicht zuletzt laufen wir Erwachsene fast alle mit solchen Verletzungen tief in uns durchs Leben. „Ich konnte noch nie zeichnen.“, „Ich habe keinerlei Begabung im künstlerischen Bereich.“, „Ich bin nicht kreativ.“ – Diese Sätze höre ich in meiner Tätigkeit als Begleiterin kreativer Prozesse immer und immer wieder.

MUT

Was würde passieren, wenn wir all diese Erfahrungen über Board werfen würden? Wenn wir wieder unmittelbar mit dem uns zur Verfügung stehenden Material spielen würden? Einfach drauflos machen würden, ganz frei von Wertungen, Zwängen und der Ausrichtung auf ein „schönes, herzeigbares“ Ergebnis? Wenn wir uns dem kreativen Fluss in uns hingeben und aus dem Bauch anstatt aus dem Kopf heraus arbeiten würden?

Wenn wir dieses so menschliche Spiel des ureigensten Ausdrucks zulassen, dann braucht dies einen geschützten, angstfreien Rahmen. Einen Raum, wo Vertrauen und Achtsamkeit herrschen, frei von Wertungen und Bewertungen. Genau diese Bedingungen zu schaffen, damit Menschen aller Altersstufen wieder diesen so bereichernden Kanal für persönlichen Ausdruck zulassen können, das empfinde ich als meine Lebensaufgabe.

Für mich gibt es nichts Schöneres, als gemeinsam in der Gruppe an kreativen Projekten zu arbeiten. Nichts muss, aber alles darf sein. Dabei zu beobachten, wie die unterschiedlichsten Menschen ihre Freude am Tun wiederfinden und zum Schöpfer ihrer eigenen Lebenswelt werden, erfüllt mich mit tiefster Dankbarkeit. Wie uralte Mauern und Verletzungen dahinschmelzen im Spaß am Spiel mit dem Pinsel, dem Stift, dem Ton, den eigenen zwei Händen, das ist ein Geschenk.

AUFWIND

Wenn diese Bedingungen alle gegeben sind, dann entsteht in der Gruppe ein einzigartiger „Flow“. Plötzlich scheint die Zeit stillzustehen, man kann das Surren der kreativen Energien, die frei gesetzt werden, förmlich spüren. Die Gruppe wird zu etwas Größerem als die Summe der Teilnehmer und inspiriert sich gegenseitig. Für dieses Gefühl der Zeit- und Schwerelosigkeit lohnt sich für mich alle Vorbereitung und Mühe – jederzeit!

Dabei liegt der Schwerpunkt meiner Arbeit weder im therapeutischen Bereich, noch möchte ich alle dazu bewegen, eine künstlerische Laufbahn einzuschlagen. Für mich liegt das Besondere gerade darin, den Menschen diese ureigene Weise wieder näherzubringen, wie sie die Welt ausgedrückt haben, bevor ihnen jemand gesagt hat, dass „man das so nicht macht“. Es ist, als ob man eine längst vergessene Sprache wiederentdecken würde, mit deren Hilfe man ganz neue Orte und Menschen entdecken kann.

KRAFT

Die gemeinsame Arbeit mit mehreren Generationen macht mir dabei besondere Freude. Sinnvoll mit den Eltern, Großeltern, Kindern, Enkelkindern und dem Rest der Familie Zeit zu verbringen und dabei mit Spaß neue Fähigkeiten zu lernen, das ist meine ganze spezielle Mission. Zu selten findet sich dazu in unserem normalen Alltag die Gelegenheit, allzu oft gibt es Veranstaltungen ausschließlich nur für Kinder oder nur für Erwachsene. Dabei können sich die Generationen gegenseitig wunderbar bereichern und beflügeln!

Nie würde ich das Funkeln in den Augen der Menschen missen wollen, die plötzlich erfahren, dass das, was sie mit ihren eigenen Händen erschaffen haben, etwas ist, auf das sie so richtig stolz sein können und das genauso einzigartig und richtig ist, wie sie selbst. Etwas, das sie und andere erfreuen kann. Oder aber sie mit dem Geschaffenen etwas hinter sich lassen können, das sie lange schwer mit sich getragen haben. Oder einfach nur etwas, das sie glücklich gemacht hat beim Tun.

VERTRAUEN

Der unbeabsichtigte, aber durchaus positive Nebeneffekt dieser Arbeit ist, dass sich diese Kompetenz auf alle Lebensbereiche umlegen lässt. Das Vertrauen, dass ich aus mir selbst heraus alles er-schaffen kann, auf meine ganz persönliche Art und Weise, das ist eine Erfahrung, die mir niemand wieder wegnehmen kann. Dieses Selbstvertrauen kann Berge versetzen. Davon profitiere ich nicht nur in meinem eigenen kreativen Ausdruck, sondern auch in meinem privaten und beruflichen Umfeld, ein Leben lang.

Lasst uns gemeinsam mit Freude – MITANANDA – ins bunte Tun kommen!

 

Dieser Artikel ist im August 2019 im Bildungsmagazin des Steiermarkhofs erstmalig erschienen.

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